Eine kleine Forschungsreise
In diesem Artikel gehen wir einer einzigen Frage nach: Was brauche ich gerade wirklich?
Denn mal ehrlich: Du weißt meist ziemlich genau, was Du tun musst: Du musst noch arbeiten, Dich um die Liebsten kümmern, schnell noch dies und das erledigen. Im Großen und Ganzen spulst Du Dein Alltags-Programm ab.
Aber weißt Du auch, was Du wirklich brauchst? Genau das wollen wir herausfinden! Denn wenn Du Deine Bedürfnisse wahrnimmst und ernst nimmst, gibst Du Deinem Nervensystem wichtige Signale von Sicherheit. Und genau darum geht es in diesem Artikel.
Ich gebe Dir vier Forschungsaufträge und vier Experimente mit auf den Weg, die Du im ganz normalen Alltag erledigen kannst. Du brauchst dafür nicht mehr als 5–10 Minuten pro Auftrag oder kannst Dich sogar während Deiner ganz normalen Aktivitäten beobachten. Du probierst etwas aus und schaust, was Du dabei über Dich lernst. Los geht’s!
Forschungsauftrag 1: Was sagt Dein Körper?
Bevor Dein Kopf Dir erklärt, was Du brauchst, hat Dein Körper oft schon längst eine Antwort. Vielleicht merkst Du es als innere Unruhe, Durst, Hunger, Druck oder Enge im Bauch, verspannte Schultern oder körperliche Müdigkeit.
Oft bemerken wir diese Signale gar nicht oder erst sehr spät, wenn das Bedürfnis schon sehr akut ist. Je früher Du solche Signale wahrnimmst und darauf reagierst, desto eher gibst Du Deinem Körper, was er gerade braucht – und damit Deinem Nervensystem ein Stück Sicherheit.
Die erste Forschungsfrage lautet daher: Kannst Du wahrnehmen, was Dein Körper gerade braucht?
Dein Forschungsauftrag
Ich lade Dich ein, dreimal am Tag für einen kurzen Moment innezuhalten, egal, wo Du gerade bist. Frag Dich: Was spüre ich gerade in meinem Körper? Und was könnte ich jetzt gerade brauchen?
Du musst daraus keine große Meditation machen, 30 Sekunden reichen völlig. Vielleicht stellst Du fest, dass Du eigentlich eine Pause brauchst. Oder Bewegung. Oder etwas zu essen. Oder Ruhe. Oder Kontakt. Oder dass Du gerade überhaupt keine Ahnung hast. Auch das ist eine wertvolle Beobachtung!
Dein Experiment
Wenn Du ein Bedürfnis bemerkst, folge ihm einmal bewusst (sofern es in der Situation möglich ist). Sag Dir nicht: „Ich mach das hier noch schnell fertig und dann…“, sondern „Okay. Das ist es, was ich gerade brauche. Was passiert, wenn ich darauf höre?“
Und dann beobachte. Wie fühlt es sich an, dem Bedürfnis zu folgen? Wie reagiert Dein Körper? Verändert sich etwas? Hat Deine Aktivität Dein Bedürfnis erfüllt oder brauchst Du eigentlich etwas ganz anderes?
Dein Forschungsergebnis
Nimm Dir am Ende zwei Minuten und vervollständige diesen Satz: „Ich habe über meinen Körper gelernt, dass …“
Forschungsauftrag 2: Was sagen Deine Gefühle?
Gefühle sind nicht einfach nur etwas, das wir fühlen und genießen – oder möglichst schnell wieder loswerden wollen. Sie können wichtige Hinweise enthalten.
Ärger kann Dir zum Beispiel zeigen, dass eine Grenze überschritten wurde. Traurigkeit kann auf das Bedürfnis nach Trost oder Nähe hinweisen. Unruhe kann Dir sagen, dass gerade etwas zu viel ist. Langeweile vielleicht, dass Dir etwas fehlt.
Aber: Ein Gefühl hat nicht automatisch nur eine bestimmte Bedeutung. Deshalb geht es hier nicht darum, Deine Gefühle zu analysieren oder für jedes Gefühl die „richtige“ Erklärung zu finden.
Sondern darum, neugierig zu werden. Daher lautet die zweite Forschungsfrage: Was wollen Deine Gefühle Dir sagen?
Dein Forschungsauftrag
Wenn Du ein Gefühl bemerkst, halte kurz inne und frage Dich: Was fühle ich gerade? Und wenn dieses Gefühl mir etwas sagen will – was könnte es sein?
Vielleicht ist es ein Bedürfnis nach Ruhe, nach Sicherheit, nach Nähe, nach Freiheit, nach Unterstützung oder nach Abwechslung. Oder Du findest überhaupt keine Antwort – auch das ist völlig okay. Du bist schließlich auf Forschungsreise und nicht bei einer Prüfung.
Dein Experiment
Wenn Du ein unangenehmes Gefühl bemerkst, versuche einmal, nicht sofort etwas dagegen zu tun. Nicht wegscrollen, wegdrücken oder sofort eine Lösung suchen.
Bleib für einen Moment neugierig bei dem Gefühl. Atme. Spüre, wo Du es in Deinem Körper wahrnimmst. Und frage Dich: „Was brauche ich gerade wirklich?“
Wenn Du eine Antwort findest, probier aus, Deinem Bedürfnis ein kleines Stück Raum zu geben. Und dann beobachte: Wie fühlt sich das an? Verändert sich etwas? Vielleicht wird das Gefühl schwächer, vielleicht bleibt es. Vielleicht taucht sogar ein ganz anderes Bedürfnis auf. Alles davon ist interessant!
Dein Forschungsergebnis
Nimm Dir am Ende wieder zwei Minuten und vervollständige diesen Satz: „Ich habe über meine Gefühle gelernt, dass …“ Und wenn Du magst, notiere Dir auch: „Hinter meinem Gefühl von ______ steckt vielleicht das Bedürfnis nach ______.“ Vielleicht entdeckst Du dabei ein Bedürfnis, das Du bisher ziemlich gut überhört hast.
Forschungsauftrag 3: Welche Bedürfnisse spiegeln Dir Deine Beziehungen?
Vielleicht kennst Du solche Situationen: Du möchtest, dass Dein Partner mehr Nähe zeigt. Du bist enttäuscht, weil Deine beste Freundin bei einem Dir wichtigen Thema nicht nachfragt. Du ärgerst Dich, weil Deine Chefin Deine Grenze nicht respektiert.
Und fragst Dich dann schnell: „Warum macht der andere das nicht?“ Jetzt drehen wir die Frage einmal um: „Was brauche ich gerade wirklich?“
Denn manchmal ist das, was wir uns von einem anderen Menschen wünschen, gar nicht unser eigentliches Bedürfnis. Wenn Du zum Beispiel willst, dass Dein Gegenüber Dich öfter fragt, wie es Dir geht, könnte dahinter das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Verbindung stehen. Oder vielleicht steht Dein Wunsch, dass Dein Gegenüber Dir mehr zutraut, für ein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung.
Das eine schließt das andere natürlich nicht aus. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, was der andere vordergründig tun soll, und dem, was Du wirklich brauchst. Wenn Du Dein eigentliches Bedürfnis kennst, kannst Du viel klarer herausfinden, was Du tun kannst, damit es erfüllt wird.
Dein Forschungsauftrag
Beobachte Situationen, in denen Du Dir etwas von einem anderen Menschen wünschst. Und bevor Du direkt dahin springst, was der andere tun sollte, frage Dich: Was steht eigentlich hinter diesem Wunsch?
Vielleicht ist es Verbindung, Anerkennung, Unterstützung, Sicherheit, Freiheit. Oder etwas ganz anderes. Du musst nicht sofort die perfekte Antwort finden. Bleib neugierig!
Dein Experiment
Wenn Du ein Bedürfnis entdeckst, sprich es aus – ohne dem anderen vorzuschreiben, wie er es erfüllen soll. Also nicht: „Du solltest Dich wirklich öfter bei mir melden“, sondern zum Beispiel: „Ich merke gerade, dass ich mehr Verbindung brauche.“
Und dann beobachte, was passiert. Wie fühlt es sich an, ein Bedürfnis so klar auszusprechen? Was macht das mit Dir? Was macht das mit Deinem Gegenüber? Und auch: Was kannst Du selbst dazu beitragen, dass dieses Bedürfnis erfüllt wird? Denn nicht jedes Bedürfnis kann oder muss ein anderer Mensch für Dich erfüllen.
Dein Forschungsergebnis
Nimm Dir am Ende wieder zwei Minuten und vervollständige diesen Satz: „Ich habe über meine Bedürfnisse in Beziehungen gelernt, dass …“ Und wenn Du einen Schritt weitergehen willst: „Wenn ich mir von anderen wünsche, dass sie ________, brauche ich dahinter eigentlich ________.“
Vielleicht stellst Du dabei fest, dass Du Deine Bedürfnisse bisher manchmal als Erwartungen an andere formuliert hast. Und vielleicht entdeckst Du auch ein Bedürfnis, das Du Dir viel öfter selbst erfüllen kannst, als Du bisher gedacht hast.
Forschungsauftrag 4: Was darf sich jetzt verändern?
Vielleicht ist Dir in während des Artikels aufgefallen, dass Du gerade mehr Ruhe brauchst. Oder mehr Nähe, Freiheit, Unterstützung, Bewegung, Zeit für Dich, Anerkennung, Abwechslung.
Was auch immer es ist: Ein Bedürfnis kann nur schwer erfüllt werden, wenn es in Deinem Alltag keinen Platz bekommt. Deshalb schauen wir hier nicht nur darauf, was Du brauchst, sondern darauf, was Du damit machen möchtest.
Dein Forschungsauftrag
Schau noch einmal auf die obigen Forschungsaufträge zurück und frage Dich: Welches Bedürfnis ist bei mir immer wieder aufgetaucht? Und dann: Wie viel Raum bekommt dieses Bedürfnis in meinem Alltag gerade? Reicht dieser Raum – oder dürfte es mehr sein?
Vielleicht fällt Dir sofort etwas ein. Vielleicht musst Du ein bisschen suchen. Und vielleicht stellst Du auch fest, dass Du Dein Bedürfnis zwar kennst, aber bisher erstaunlich wenig dafür tust. Alles spannende Forschungsergebnisse!
Dein Experiment
Überlege Dir jetzt eine einzige kleine Veränderung, die Du ausprobieren möchtest. Nicht zu groß im Sinne von „ab jetzt höre ich immer auf all meine Bedürfnisse“. Sondern ganz konkret: „Was kann ich zum Beispiel konkret in der nächsten Woche anders machen?“
Wenn Du Ruhe brauchst, vielleicht einen Termin nicht annehmen. Wenn Du Nähe brauchst, vielleicht jemanden anrufen. Wenn Du Unterstützung brauchst, vielleicht tatsächlich um Hilfe bitten. Wenn Du Freiheit brauchst, vielleicht einen Abend bewusst unverplant lassen. Wenn Du Bewegung brauchst, vielleicht heute 10 Minuten dafür einplanen.
Mach es klein genug, dass Du es wirklich ausprobieren kannst. Und dann beobachte: Was passiert, wenn ich mich und mein Bedürfnis ein kleines bisschen ernster nehme? Wie fühlt es sich an? Was verändert sich? Und auch: Was fällt mir leicht? Und wo stoße ich auf Widerstand?
Dein Forschungsergebnis
Wir haben im Rahmen dieses Blogartikels verschiedene Türen geöffnet rund um das Thema: Was brauche ich gerade wirklich? Zum Abschluss unserer Forschungsreise möchte ich Dich einladen, noch einmal die Inhalte zusammenzufassen. Vervollständige diese vier Sätze:
- Mein Körper hat mir gezeigt, dass …
- Meine Gefühle haben mir gezeigt, dass …
- Meine Beziehungen haben mir gezeigt, dass …
- Und für meinen Alltag bedeutet das …
Und dann komm noch einmal zu unserer Ausgangsfrage zurück: Was brauche ich gerade wirklich – und was bin ich bereit, dafür zu tun?
Vielleicht hast Du jetzt eine andere Antwort darauf als zu Beginn des Artikels. Das könnte die wichtigste Erkenntnis dieser Forschungsreise sein: Du musst nicht immer sofort wissen, was Du brauchst. Aber Du kannst lernen, Dich selbst wieder zu fragen.
Danke, dass Du mit mir auf Forschungsreise gegangen bist!
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